Landungsbrücke Uetze

Landungsbrücke Uetze

Keçên rojê – Töchter der Sonne


Das Buch "Keçên rojê – Töchter der Sonne" entsteht unter der Schirmherrschaft der Landungsbrücke. Authentische Berichte geflüchteter ezidischer Frauen über das Leben in der Heimat, die Flucht und die Ankunft in Deutschland, niedergeschrieben von Claudia Ruhs, veranschaulichen wie Flucht Menschen prägt. Wirkmächtige Gemälde von Ravo Ossman unterstützen das Kino im Kopf. Einfühlsame Gedichte von Sebra Xaltî vollenden den Dreiklang. Christian Grams, Lehrer an der Kunsthochschule Braunschweig, verbindet durch seine Buchgestaltung Lyrik, Prosa und Malerei in einem künstlerischen Buch. Es wird im Frühling 2020 erscheinen.  

Ein Buch entsteht

Im Februar 2019 entstand die Idee, ein Buch über geflüchtete ezidische Frauen in Deutschland zu schreiben.

Der Hintergrund

Bis August 2014 lebten mehr als fünfhunderttausend Eziden in Shingal/Nordirak als Minderheit. Sie lebten von Landwirtschaft, Ackerbau und Viehzucht. Es war ein hartes aber friedliches Leben. Die Großfamilien unterstützten sich gegenseitig. Ab Juli 2014 änderte sich das Leben dort von heute auf morgen. Mitten in der Nacht am 03.08.2014 fiel der IS in Shingal ein, tötete tausende Männer und heranwachsende Jungen. Verschleppten und versklavten mehr als fünf- bis sechstausend ezidische Frauen,  Mädchen und Kinder. Einige konnten aus eigener Kraft fliehen, wieder andere wurden von Familien und der Verwandtschaft frei gekauft. Viele wurden vergewaltigt und umgebracht, wie die 19 Mädchen, die bei lebendigem Leib im Eisenkäfig verbrannt wurden, weil sie sich der çihat Ehe verweigert haben, darunter waren auch orientalische Christen. Bis heute fehlt von mehr als 2500 Frauen und Mädchen jede Spur. 

Die Eziden bilden nicht nur in Niedersachsen eine große Migrantengruppe. Sie sind über ganz Deutschland verteilt. Sie kommen aus der Türkei, dem Irak, Syrien und wenige aus dem Iran. In Deutschland leben sie meist unter sich, in Großfamilienverbänden. Das fußt auf einer langen Tradition als Minderheit, die über Jahrhunderte Verfolgung erlitten hat und auf patriarchalen Familienstrukturen, die die Rolle der Frau in der Familie sehen.

Das ist der Grund, warum der deutschsprachigen Bevölkerung so wenig von den kurdischen Eziden weiß. Mit den Gräueltaten, die der IS in Nordirak ab 2014 verübt hat, ist ihr Schicksal in den Fokus der Welt gerückt. Eine Flüchtlingswelle folgte. 

Unsere Ziele

Wir möchten einen wichtigen Beitrag dazu liefern, das Miteinander der Kulturen zu verbessern. Das Buch kann den Weg zu mehr gesellschaftlicher Teilhabe der kurdischen Frauen ebnen und ein Impuls für die deutsche Gesellschaft sein, sich zu öffnen.

Durch die überregionale Ausstrahlung des Buches ist es möglich, die deutsche und kurdische Leserschaft daran zu erinnern, dass die Gräueltaten an den EzidInnen nicht vergessen werden dürfen. Insbesondere darf die Suche nach den verschollenen Frauen und Kindern, die noch weiter in Sklaverei leben, nicht aufgegeben werden. 

biographisch-narrative Interviews

Durch ihre Arbeit in der Landungsbrücke e.V. konnte Claudia Ruhs ein vertrauensvolles Verhältnis zu den geflüchteten Frauen aufbauen. Sebra Xaltî, die als Sprachmittlerin mitwirkte, hatte dabei einen großen Anteil, denn über sich selbst erzählen und komplexe Gefühlslagen ausdrücken, das kann man, auch nach drei bis vier Jahren in einem Land, nur in der Muttersprache. So entstand die Idee, gemeinsam die Geschichte und Lebensleistung dieser Frauen aufzuschreiben. 

Fünf Frauen öffneten sich uns mit ihren Biografien. Ein wichtiger Grund für die Bereitschaft der Frauen zu berichten war, dass ihre Geschichte aufgeschrieben wird. Jede Frau suchte sich zunächst einen Namen aus, so dass ihre Anonymität gewahrt bleibt. Natürlich sind die Fluchterlebnisse einschneidend, stehen aber nicht im Vordergrund. Die Schilderungen des alltäglichen Lebens mit seinen Bräuchen wecken Verständnis für die Lebensweise der Familien hier. Ihre ersten Eindrücke von Deutschland sensibilisieren uns für Besonderheiten unserer Gesellschaft. Die Lebensleistung der Frauen wird gewürdigt.

Wir stellten Impulsfragen, ansonsten erzählten die Frauen frei. Es wurde zwischendurch geweint, aber auch gelacht. Sebra nahm alles mit ihrem Handy auf. Dann setzten wir beide uns zusammen, Sebra mit dem Handy am Ohr und Claudia am PC und hackten den Originalton auf die Festplatte. Danach überarbeitete Claudia die Textvorlage und schrieb in der einfachen Sprache der Frauen einen authentischen Text. Der wurde jeder Frau rückübersetzt, um evtl. Mißverständnisse zu klären und das Einverständnis jeder einzelnen Frau einzuholen. 

Gedichte

Sebra Xaltî kam mit ihren Eltern 1985 aus Anatolien/Türkei nach Deutschland. Seit 2016 schreibt sie Gedichte in Deutsch und Kurdisch. Hier eine Kostprobe:

Ich ließ mir von der Liebe

Einen ihrer unerfüllten 

Wünsche aufschreiben

 

Und später las ich nur noch

Von ihrer unerfüllten Sehnsucht

Nach der Freiheit.

Malerei

Ravo Ossman stammt aus Shingal, Nordirak und wohnt jetzt in Lehrte. Er studierte Kunst im Irak. Die Gemälde der vergangenen Jahre sind stark von den Geschehnissen und Gräueltaten des IS beeinflusst. Sie üben auf die BetrachterInnen eine starke Wirkung aus.

Layout und Gestaltung

Christian Grams ist Künstler und Lehrer für Gestaltung an der Kunsthochschule Braunschweig. Der Schriftsteller Gerd Bohne machte uns im Oktober mit ihm bekannt. Zwischen Ravo und ihm hat es sofort gefunkt und sie verabredeten sich für eine zweitägige Arbeitsklausur in Braunschweig, in der sie sich künstlerisch besser kennenlernen wollten. Dabei entstand das Folgende:

Wie vielseitig Ravo Ossmans künstlerisches Gestalten ist, kann man hier sehr gut beurteilen. Aber auch, wie gut Orient und Okzident miteinander harmonieren und sich ergänzen.

Arbeitsschritte

Bei den beiden ersten Treffen haben wir unser Vorgehen geplant, das Papier ausgewählt und verschiedene Formate erprobt. Es wird wahrscheinlich ein quadratisches Buch werden.

Beim nächsten Mal haben wir die Werbung für unsere Veranstaltung am 8.11.2019 in der Paulusgemeinde entworfen.

In ein paar Tagen werden wir uns wieder in der Kunsthochschule treffen. Ravos Werke werden dann fotographiert.